Geriatrische Anästhesie bei Kleintieren: von der Narkoseplanung bis zur Aufwachphase

Geriatrische Patienten stellen besondere Anforderungen an das Anästhesiemanagement. Dieser Artikel beleuchtet wichtige Aspekte der Narkoseplanung, Überwachung und Aufwachphase bei älteren Hunden und Katzen.

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In der tierärztlichen Praxis gehören Sedationen sowie Allgemeinanästhesien oft zum Alltag. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Verfahren liegt im Grad der Bewusstseinsdämpfung. Während ein nicht sediertes Tier vollständig bei Bewusstsein ist, führt eine Allgemeinanästhesie zu einem Zustand der Bewusstlosigkeit. Die Sedation kann dabei von leicht bis tief ausgeprägt sein.

Für viele diagnostische Maßnahmen, beispielsweise Röntgen- oder Ultraschalluntersuchungen, wird häufig eine tiefe Sedation angestrebt. Allerdings ist diese nicht zwangsläufig die sicherste oder geeignetste Option für jeden Patienten.

Eine Sedierung ist nicht immer sicherer als eine Vollnarkose!

Beurteilung vor der Narkose

Die Narkosevoruntersuchung ist der erste Schritt zur Erstellung eines geeigneten Anästhesieplans. Sie umfasst eine gründliche klinische Untersuchung sowie die Auswertung der Anamnese des Patienten.

Eine sorgfältige präanästhetische Beurteilung ist essentiell, um das individuelle Risiko einzuschätzen und das Vorgehen entsprechend anzupassen. Ebenso wichtig ist eine gute Kommunikation im Behandlungsteam, um die geplanten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen abzustimmen.

Kommunikation ist der Schlüssel zur präanästhetischen Beurteilung!

Es sollte eine ausführliche Anamnese erhoben werden, die nicht nur das aktuelle Problem des Patienten umfasst, sondern auch Vorerkrankungen, Begleiterkrankungen, aktuelle Medikamente, bekannte Arzneimittelreaktionen, frühere Narkoseverläufe sowie Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten.

Im Anschluss an die Anamnese sollte die Person, die den Anästhesieplan erstellt, eine Allgemeinuntersuchung durchführen – auch dann, wenn bereits zuvor eine Allgemeinuntersuchung erfolgt ist.

Bei normaler Belastbarkeit des Patienten umfasst diese in der Regel die Thoraxauskultation, die Pulspalpation, die Beurteilung der Schleimhäute und der kapillären Rückfüllungszeit, die Kontrolle der Atemfrequenz sowie die Temperaturmessung.

Bei eingeschränkter Belastbarkeit sollten zusätzlich weiterführende kardiopulmonale Untersuchungen wie Elektrokardiographie, Echokardiographie und Röntgenaufnahmen des Thorax in Betracht gezogen werden.

Präanästhetische Blutuntersuchungen bei Patienten über sieben Jahren zeigten in nahezu 30 Prozent der Fälle subklinische Erkrankungen (Joubert, 2007). Das empfohlene Mindestprofil umfasst Hämatokrit (PCV), Gesamtprotein, Albumin, Glukose, Harnstoff, Kreatinin, alkalische Phosphatase (ALP) und Alanin-Aminotransferase (ALT).

Bei Vorliegen von Auffälligkeiten in der Anamnese oder der Allgemeinuntersuchung („Red Flags“) sollte die Durchführung von Blutuntersuchungen auch bei jüngeren Patienten in Erwägung gezogen werden.

Das Alter von sieben Jahren wurde von Joubert (2007) als "geriatrisches Grenzalter" verwendet, aber die meisten Anästhesist*innen betrachten Patienten als geriatrisch, wenn sie älter als 80 Prozent ihrer erwarteten Lebenserwartung sind.

Bei älteren Patienten sollte berücksichtigt werden, dass diese häufig ein erhöhtes Angstempfinden zeigen. Eine eingeschränkte Seh- und Hörfähigkeit in Kombination mit chronischen Schmerzen, beispielsweise infolge einer Arthrose, kann dazu führen, dass sie sich in unbekannter Umgebung deutlich unsicherer und gestresster verhalten.

Daher ist bei allen Patienten, insbesondere jedoch bei geriatrischen Tieren, ein geduldiges und behutsames Vorgehen wichtig. Gegebenenfalls sollte auch der Einsatz anxiolytischer Medikamente in Erwägung gezogen werden. In dieser Altersgruppe wird in der Regel eine reduzierte Dosierung empfohlen.

Gehen Sie behutsam mit Ihren älteren Patienten um!

Prämedikation

Bei geriatrischen Patienten werden niedrigere Dosen der Prämedikation bevorzugt, da die Eliminationszeit verlängert ist und zudem eine erhöhte Permeabilität der Blut-Hirn-Schranke bestehen kann. Dadurch kann eine verstärkte sedative Wirkung auftreten. 

Bei geriatrischen Patienten sind niedrigere Dosen der Prämedikation zu bevorzugen, da die Eliminationszeit verlängert ist und ältere Tiere eine erhöhte Permeabilität der Blut-Hirn-Schranke aufweisen können, wodurch eine stärkere sedierende Wirkung erzielt werden kann (Tabellen 1 und 2).

Idealerweise sollten Medikamente eingesetzt werden, die nur minimale kardiovaskuläre und respiratorische Nebenwirkungen verursachen. In der Regel werden Opioide in Kombination mit niedrigen Dosen von Alpha-2-Agonisten, Acepromazin oder Benzodiazepinen verabreicht, abhängig von der zugrunde liegenden kardialen Pathologie.

Bei schmerzhaften Eingriffen ist ein voller µ-Opioid-Rezeptoragonist wie Methadon gegenüber einem partiellen Agonisten wie Butorphanol zu bevorzugen. Benzodiazepine sollten nicht als Monotherapie eingesetzt werden, da es bei einigen Patienten nach der Gabe zu paradoxen Erregungsreaktionen kommen kann.

Medikament Dosis (mg/kg) Art der Verabreichung
Dexmedetomidin 0.0005-0.002
0.005
IV
IM
Medetomidin 0.001-0.003
0.005-0.01
IV
IM
Acepromazin 0.005-0.01
0.01-0.02
IV
IM
Butorphanol 0.2-0.3 IV oder IM
Methadon 0.2-0.3 IV oder IM
Morphin 0.2-0.3 IV oder IM
Hydromorphin 0.05-0.1 IV oder IM
Buprenorphin 0.005-0.02 IV oder IM
Midazolam 0.05-0.2 IV oder IM
Diazepam 0.05-0.2 IV oder IM
TABELLE (1) Empfohlene Dosen für die Sedierung von geriatrischen Patienten
Medikament Dosis (mg/kg) Art der Verabreichung
Flumazenil 0.01-0.03 IV
Naloxon 0.004-0.04
0.01-0.1
IV
IM
Atipamezol Hunde: Gleiches Volumen der Lösung wie bei Medetomidin/Dexmedetomidin
Katzen: Halbes Volumen der Lösung im Vergleich zu Medetomidin/Dexmedetomidin
IM
TABELLE (2) Empfohlene Dosen für Antagonisten bei geriatrischen Patienten

Präoxygenierung 

Geriatrische Patienten sollten vor der Narkoseeinleitung für etwa fünf Minuten mittels Gesichtsmaske präoxygeniert werden, sofern dies toleriert wird und keinen zusätzlichen Stress für das Tier darstellt. Die Präoxygenierung erhöht die alveolären Sauerstoffreserven und kann das Risiko einer Hypoxämie während der Narkoseeinleitung reduzieren.  

Führen Sie die Präoxygenierung nur durch, wenn sie für das Tier nicht belastend ist!

Narkoseeinleitung

Vor der Narkoseeinleitung sollten, sofern vom Patienten toleriert, EKG-Elektroden sowie eine Blutdruckmanschette angebracht werden.

Zur Einleitung können sowohl Propofol als auch Alfaxalon eingesetzt werden. Unabhängig vom gewählten Wirkstoff sollten diese langsam titriert werden, beginnend mit einer Dosis von 1 mg/kg (Propofol) bzw. 0,5 mg/kg (Alfaxalon).

Eine begleitende Gabe von Midazolam, Diazepam, Fentanyl oder Ketamin kann in Betracht gezogen werden. Je nach Dosierung können jedoch alle genannten Substanzen eine Atemdepression verursachen. Benzodiazepine sollten zudem nicht vor dem Einleitungsmedikament verabreicht werden, da es hierbei zu paradoxen Erregungsreaktionen kommen kann.

Eine Maskeninduktion sollte möglichst vermieden werden, da sie für den Patienten stressassoziiert ist und zudem eine Belastung für die Umgebung darstellen kann.

Geben Sie alle Einleitungsmedikamente langsam.
Wenn es keine klinische Indikation für ein spezifisches Medikament gibt, verwenden Sie das Medikament, mit dem Sie am besten vertraut sind.

Aufrechterhaltung der Anästhesie

Zur Aufrechterhaltung der Narkose können sowohl Isofluran als auch Sevofluran eingesetzt werden, wobei zwischen beiden Substanzen keine relevanten Unterschiede bestehen. Die minimale alveoläre Konzentration (MAC) inhalativer Anästhetika ist bei geriatrischen Patienten reduziert. Daher sollte die Narkosetiefe engmaschig und regelmäßig überprüft werden, und der Anästhesist sollte darauf vorbereitet sein, die Konzentration des Inhalationsanästhetikums bei Bedarf zu reduzieren.

Aus den bereits im ersten Teil der Serie beschriebenen Gründen treten Hypoventilation und Hyperkapnie bei geriatrischen Patienten häufiger auf, sodass eine Unterstützung der Ventilation durch manuelle oder maschinelle Beatmung erforderlich sein kann.

Sofern keine Kontraindikationen, beispielsweise eine relevante Herzerkrankung, vorliegen, sollte während der Narkose eine intravenöse Flüssigkeitstherapie eingeleitet werden. Üblicherweise wird hierfür eine balancierte Elektrolytlösung wie Ringer-Laktat mit einer Rate von 5 ml/kg/h beim Hund und 3–5 ml/kg/h bei der Katze empfohlen (gemäß den Flüssigkeitstherapie-Leitlinien der American Animal Hospital Association, 2024). Bei Patienten mit kardialer Vorerkrankung kann eine reduzierte Infusionsrate angezeigt sein.

Analgesie

Auch bei einfachen Eingriffen, beispielsweise Röntgenuntersuchungen, kann eine analgetische Versorgung erforderlich sein, da es postinterventionell insbesondere bei Patienten mit Osteoarthritis zu Steifheit kommen kann.

Ein multimodales Analgesiekonzept ist grundsätzlich zu bevorzugen. Nichtsteroidale Antiphlogistika sollten nur eingesetzt werden, wenn eine normale Nierenfunktion vorliegt und der Patient normohydriert sowie normotensiv ist. Paracetamol kann beim Hund angewendet werden. Leichte bis moderate Erhöhungen der Leberenzymaktivität stellen dabei keine absolute Kontraindikation dar. Bei Katzen ist Paracetamol kontraindiziert.

Bei chirurgischen Eingriffen sollte, wenn möglich, ein lokoregionales Anästhesieverfahren eingesetzt werden. Dadurch kann der Bedarf an systemischen Analgetika und Inhalationsanästhetika reduziert werden.

Erholung

Geriatrische Patienten zeigen häufiger ein Emergenzdelirium als jüngere Tiere. Mögliche Ursachen sind altersbedingte Veränderungen des zentralen Nervensystems, eine veränderte Blut-Hirn-Schranke und ein erhöhtes Angstniveau.

Für diese Patienten sollte vorab ein Plan für die Aufwachphase erstellt werden, damit bei Unruhe, Angst oder Dysphorie schnell reagiert werden kann.

Ältere Tiere urinieren oder defäkieren in ungewohnter Umgebung nur zögerlich. Eine volle Harnblase kann in der Aufwachphase Unbehagen verursachen, daher ist eine manuelle vorsichtige Entleerung vor dem Aufwachen empfohlen.

Entleeren Sie die Blase, bevor Sie den Patienten aufwachen lassen.
Referenzen (zum Vergrößern anklicken)
Amerikanische Tierklinikvereinigung 2024 2024 AAHA-Richtlinien zur Flüssigkeitstherapie bei Hunden und Katzen. American Animal Hospital Association [Zugriff im August 2024]
Dugdale, A., Beaumont, G., Bradbrook, C. und Gurney, M. 2020 Veterinary Anaesthesia: Principles to Practice, 2. Aufl., Wiley-Blackwell
Duke-Novakovski, T., de Vries, M. und Seymour, C. 2016 BSAVA Manual of Canine and Feline Anaesthesia and Analgesia, 3. Aufl. British Small Animal Veterinary Association, Gloucester
Grimm, K. A., Lamont, L. A., Tranquilli, W., Greene, S. A. und Robertson, S. A. 2015 Veterinary Anesthesia and Analgesia: The Fifth Edition of Lumb and Jones, John Wiley and Sons
Hughes, J. M. L. 2008 Anästhesie bei geriatrischen Hunden und Katzen. Irish Veterinary Journal, 61
Joubert, K. E. 2007 Screening vor der Narkose beim geriatrischen Hund. Journal of the South African Veterinary Association, 78, 31-35
Wei, S., Nguyen, T. T., Zhang, Y., Ryu, D. und Gariani K. 2023 Sarkopenische Adipositas: Epidemiologie, Pathophysiologie, kardiovaskuläre Erkrankungen, Mortalität und Management. Frontiers in Endokrinologie, 14
Weiß, K. und Hillen, F. 2024 Anästhesie des geriatrischen Patienten. Vet Focus [Zugriff im August 2024]