Sicherheitskompetenz in der Praxis: Warnsignale erkennen und Aggressionsverhalten in der Behandlung sicher entschärfen

Wissen Sie, wie Sie reagieren sollten, wenn ein Hund im Behandlungszimmer aggressives Verhalten zeigt? Erfahren Sie, wie Sie Warnsignale frühzeitig erkennen und sich selbst, Ihr Team und andere in der Behandlung sicher schützen können.

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Aggressionsverhalten im Sprechzimmer kann schnell zur Herausforderung werden – insbesondere dann, wenn Warnsignale übersehen oder falsch eingeschätzt werden. Umso wichtiger ist es, in solchen Situationen ruhig, strukturiert und vor allem sicher zu handeln.

Ich bin zertifizierter klinischer Tierverhaltensforscher und vermittle seit mehreren Jahren Fachpersonal den sicheren und defensiven Umgang mit Hunden. Diese sogenannten Sicherheitskompetenzen lassen sich erlernen und helfen dabei, Aggressionsverhalten frühzeitig zu erkennen, zu vermeiden und gezielt zu entschärfen – mit dem Ziel, potenziell gefährliche Situationen deutlich sicherer zu gestalten.

Was sind Sicherheitskompetenzen?

Sicherheitskompetenzen, auch als defensiver Umgang bezeichnet, lassen sich gut mit defensivem Fahren vergleichen: Ziel ist es, proaktiv statt rein reaktiv zu handeln, um potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen.

Im tiermedizinischen Kontext ist Aggressionsverhalten häufig auf Angst, Schmerz oder die Erwartung von Schmerz zurückzuführen (Riemer et al., 2021). Werden Tiere mit einer als bedrohlich empfundenen Situation konfrontiert, versuchen sie in vielen Fällen zunächst, sich der Interaktion zu entziehen. Ist ein Rückzug jedoch nicht möglich oder erscheint die Bedrohung zu nah, kann es zu einer nach vorne gerichteten Körpersprache kommen – einschließlich aggressiven Verhaltens –, um Distanz zu schaffen (Panksepp, 1998).

Der dadurch entstehende Stress stellt nicht nur eine Belastung für das Tier dar, sondern kann auch ein Sicherheitsrisiko für das tierärztliche Team bedeuten (Nibblett, Ketzis & Grigg, 2015). Sicherheitskompetenzen helfen dabei, dieses Risiko gezielt zu reduzieren und sowohl das Tier als auch das Team bestmöglich zu schützen.

Schritt 1: Informationen sammeln und vorbereiten

Bei bekanntermaßen ängstlichen oder aggressiven Tieren ist eine gute Vorbereitung entscheidend für einen sicheren und erfolgreichen Ablauf der Behandlung. Durch eine gründliche Anamnese lassen sich potenzielle Risiken frühzeitig erkennen und gezielt minimieren.

Wichtige Fragen können dabei sein:
Hat der Hund bereits gebissen – und wenn ja, wie schwer waren die Verletzungen? Welche Maßnahmen oder Techniken wurden bisher angewendet? Gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte Untersuchungssituationen (z. B. auf dem Boden statt auf dem Tisch) für das Tier weniger stressreich sind?

Wenn ausreichend Zeit für die Vorbereitung bleibt, können folgende Maßnahmen hilfreich sein:

  • Vorab ein Gespräch mit den Tierhalter*innen führen, um Erwartungen und mögliche Risiken besser einschätzen zu können
  • Das erste Aufeinandertreffen außerhalb der Praxis stattfinden lassen und sich am Tempo des Hundes orientieren
  • Ausreichend Zeit für den Termin einplanen, um Stress zu reduzieren
  • Die eigene Position im Raum bewusst wählen
  • Den individuellen Rückzugs- bzw. Sicherheitsbereich des Hundes berücksichtigen
  • Auf die eigene Körpersprache achten
  • Bewegungen sowie den Einsatz von Futter und Equipment ruhig und kontrolliert gestalten
  • Die Behandlungssituation flexibel anpassen (z. B. Untersuchung auf dem Boden, in einem größeren Raum oder ggf. außerhalb der Praxis)
  • Bereits im Vorfeld den Einsatz eines Maulkorbs abklären

Schritt 2: In der Behandlung

Sofern keine Kontraindikationen bestehen (z. B. Ressourcenverteidigung, orale Problematiken oder diätetische Einschränkungen), kann der gezielte Einsatz von Belohnungen sinnvoll sein. Eine Kombination aus unterschiedlich hochwertigen Belohnungen kann die Mitarbeit des Hundes fördern und die Reaktionsbereitschaft erhöhen (Steinman, 1968).

Auch der Einsatz von Spiel kann unterstützend wirken: Gemeinsames Spiel kann die Bindung zwischen Mensch und Hund stärken, die Vertrautheit erhöhen und konfliktbehaftete Interaktionen reduzieren (Sommerville, O’Connor & Asher, 2017).

Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Spiel nach dem Training einen positiven Effekt auf den Lernerfolg haben kann. So zeigte eine Studie von Salomons et al. (2025), dass Hunde in der frühen Lernphase neue Verhaltensweisen am Folgetag besser abrufen konnten, wenn im Anschluss an das Training gespielt wurde.

Es ist gut belegt, dass gezielte Futteranreicherung dazu beitragen kann, unerwünschte oder stressbedingte Verhaltensweisen zu reduzieren (Schipper et al., 2008). Beschäftigungen wie etwa Leckmatten, Schnüffelmatten oder KONGs, können insbesondere ängstlichen Patienten helfen, Stress während der Behandlung abzubauen und sich besser zu regulieren.

Auch aktuelle Studien unterstreichen diesen Effekt: In einer Untersuchung von Squair et al. (2023) wurden LickiMat®-Produkte im Rahmen stressarmer Maßnahmen bei Tierarztbesuchen eingesetzt. Dabei zeigte sich, dass der Stresslevel der Hunde über die Zeit deutlicher abnahm als bei Tieren ohne entsprechende Interventionen.

Körpersprache von Hunden erkennen und richtig einschätzen

Das frühzeitige Erkennen körpersprachlicher Signale spielt eine zentrale Rolle, um Eskalationen im Verhalten zu vermeiden. Ein einfaches und praxistaugliches Modell ist das sogenannte Ampelsystem, das eine schnelle Orientierung bei der Einschätzung des Verhaltens von Hunden ermöglicht: 

Doggie Language von Lili Chin ist ein wirklich fantastisches Hilfsmittel für jeden, der etwas über die Körpersprache von Hunden lernen möchte - ich empfehle es jedem Kunden und Fachpersonal, mit dem ich zusammenarbeite - es ist voll von wunderschön illustrierten Cartoons, es ist super einfach durchzublättern und sogar für Kinder geeignet!

Neben körpersprachlichen Signalen gibt es weitere wichtige Hinweise darauf, dass ein Hund an seine Belastungsgrenze stößt. Dazu gehören unter anderem:

  • Verstärkte Ablenkbarkeit, z. B. durch Geräusche oder Bewegungen in der Umgebung
  • Verweigerung von Futter oder hastiges, unkoordiniertes Aufnehmen („Schnappen“)
  • Zunehmende Intensität bestimmter Verhaltensweisen, z. B. Springen oder Maulen
  • Eingeschränkte Reaktionsfähigkeit auf bekannte Signale oder verzögerte Reaktionen

Reagieren auf körpersprachliche Hinweise im Behandlungsraum

Es ist entscheidend, die Körpersprache eines Hundes kontinuierlich zu beobachten und auch auf subtile, leise Signale zu achten, die auf Unwohlsein hinweisen. Jeder Hund verfügt über ein individuelles Kommunikationsverhalten, das sich aus seinen bisherigen Erfahrungen entwickelt hat.

Wenn diese frühen Signale wahrgenommen werden, besteht oft noch kein Grund für eine Eskalation des Verhaltens oder deutliches „Einfordern von Abstand“. Werden sie jedoch übersehen und die Handlungsmöglichkeiten des Hundes eingeschränkt, kann sich das Verhalten zunehmend verschärfen.

Bei sogenannter „gelber“ Körpersprache sollten folgende Fragen berücksichtigt werden:

  • Ist die Maßnahme wirklich zwingend erforderlich oder kann sie verschoben werden?
  • Gibt es eine weniger belastende Alternative für den Hund?
  • Können wir unsere eigene Position oder Körperhaltung verändern, um mehr Distanz zu schaffen?
  • Lässt sich die Situation durch Anpassungen der Umgebung entschärfen (z. B. anderer Raum oder Parkplatz)?
  • Kann der Tierhalter Fotos oder Videos zur Beurteilung bereitstellen?
  • Ist eine zweite Person verfügbar, die unterstützen kann? Ein geteiltes Problem ist oft ein leichter lösbares Problem: Zusätzliche Perspektiven können helfen, die Situation besser einzuschätzen oder den Hund gezielt abzulenken.

Wenn ein Hund „rote“ körpersprachliche Signale zeigt, sollte die aktuelle Maßnahme sofort unterbrochen werden. Sofern es sicher möglich ist, sollte der Raum verlassen und umgehend Unterstützung hinzugezogen werden.

Kommt es zu einer belastenden oder kritischen Situation, ist eine sorgfältige Dokumentation essenziell. Dazu gehören unter anderem: der Ablauf des Geschehens, beobachtete Körpersprache und Verhalten des Hundes, durchgeführte Maßnahmen sowie eventuelle Verletzungen. Dies dient nicht nur der Sicherheit des Teams, sondern auch dem Tier selbst, da auf dieser Grundlage zukünftige Besuche besser geplant und Risiken reduziert werden können.

Bei der Arbeit mit Hunden spielt zudem die eigene Körperhaltung eine wichtige Rolle für die Sicherheit. Ziel ist es, jederzeit eine Position einzunehmen, aus der man sich bei Bedarf schnell und sicher zurückziehen kann:

  • Knien: ermöglicht schnelles Aufstehen bei Bedarf
  • Hocken: Alternative zum Knien, jedoch nur bei stabilem Gleichgewicht sinnvoll
  • Sitzen: häufig sicherer als stehende Positionen oder das Überbeugen über den Hund
  • Stehen: Körper leicht vom Hund abgewandt positionieren, um weniger konfrontativ zu wirken

Situationen deeskalieren

Wenn ein Hund Körpersprache zeigt, durch die Sie sich bedroht fühlen, ist ein kontrolliertes und ruhiges Vorgehen entscheidend:

  • Alarm schlagen und alle Personen in der Umgebung klar und deutlich informieren
  • Ruhig bleiben, Bewegungen minimieren und keine hektischen Handlungen ausführen
  • Direkten Blickkontakt vermeiden und den Körper leicht vom Hund abwenden
  • Eine physische Barriere zwischen sich und dem Hund schaffen, wenn möglich (z. B. Türen, Tore, Möbel, Mülleimer, Decken, Kleidung, Hundebetten oder geeignete Gegenstände aus der Umgebung)
  • Den eigenen Körper schützen, z. B. durch das gezielte Einsetzen der Arme als Schutzbarriere
  • Aufrecht bleiben und sich, wenn möglich, mit dem Rücken an eine Wand stellen, um Stabilität zu erhöhen und das Risiko eines Umstoßens zu reduzieren
  • Falls ein größerer oder schwerer Hund beteiligt ist, möglichst eine höhere Position einnehmen oder Distanz schaffen
  • Wenn es die Situation zulässt, sich seitlich und kontrolliert in Richtung eines Ausgangs bewegen
  • Sollte es zu einem Sturz kommen, den Körper zusammenrollen und Kopf sowie Hals durch die Hände schützen

Wenn Sie gebissen werden

1. Alarm auslösen: Informieren Sie sofort alle Personen in der Umgebung klar und deutlich über die Situation. 

2. Reagieren - abhängig vom Bissverhalten

Schnappbisse

  • Tätigkeit möglichst unterbrechen, sofern dies sicher möglich ist
  • Ruhig stehen bleiben und den Hund im Blick behalten
  • Wenn es gefahrlos möglich ist, sich langsam aus der Situation entfernen
  • Körper leicht seitlich drehen und Arme nah am Körper halten, um Angriffsfläche zu reduzieren

Zerrende/haltende Bisse

  • Prüfen, ob das Kleidungsstück oder die Körperregion aus dem Fang des Hundes gelöst werden kann
  • Wenn möglich, kontrolliert in einen sicheren Bereich zurückziehen und den Kontakt lösen
  • Falls sinnvoll: eine Alternative zum Tauschen anbieten (Ablenkung/Umorientierung)
  • Bei Kleidung: wenn sie festgehalten wird, ggf. eine Schicht kontrolliert lösen, um Verletzungen zu reduzieren
  • Sich an einer Wand oder stabilen Möbeln abstützen, um Stabilität zu erhöhen
  • Falls vorhanden, kann eine zusätzliche Leine zur Sicherung eingesetzt werden

Festhaltende / quetschende Bisse

  • So ruhig wie möglich bleiben und keine hektischen Bewegungen ausführen
  • Bewusst ruhig und gleichmäßig atmen
  • Ruhig mit dem Hund sprechen, um die eigene Erregung zu senken und die Situation zu stabilisieren
  • Wenn möglich, sanften Druck in Richtung des Bisses ausüben, um Gewebeschäden zu minimieren

3. Melden und dokumentieren

Nach einem Bissvorfall sollte dieser umgehend gemeldet und dokumentiert werden. Dabei ist es wichtig, den Schweregrad des Bisses anzugeben. Als Orientierung dient unter anderem die Dunbar Dog Bite Scale, eine international anerkannte Einteilung zur Bewertung von Bissverletzungen. 

Schlussfolgerung

Jede Praxis wird im Laufe der Zeit mit Hunden konfrontiert, die aggressives Verhalten zeigen. Häufig liegen diesem Verhalten Angst, Schmerz oder die Erwartung von Schmerz zugrunde.

Eine vorausschauende Planung sowie praxisnahe, angepasste Maßnahmen können dazu beitragen, das Risiko solcher Situationen deutlich zu reduzieren. Ebenso entscheidend ist die kontinuierliche Beobachtung der Körpersprache des Hundes und das frühzeitige, angemessene Reagieren auf erste Warnsignale.

So wird nicht nur die Sicherheit des Praxisteams erhöht, sondern auch das Wohlbefinden der Tierhalter*innen und ihrer Tiere bestmöglich geschützt.

 

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