Besitzer*innen machen sich zunehmend Gedanken über die Ernährung ihrer Haustiere. Dabei entwickelt sich Social Media zu einer der Hauptinformationsquellen, während die Rolle von Tierärzt*innen und Züchter*innen abnimmt. Auf unzähligen Websites werden Empfehlungen zur Ernährung von Haustieren gegeben. Auch wenn einige davon sicherlich gut sind und verlässliche Informationen bereitstellen, gibt es andere, die von Laien ohne entsprechende Qualifikation veröffentlicht werden und Fehlinformationen enthalten können. Um Anfragen von Besitzer*innen zuverlässig beantworten zu können, müssen Tierärzt*innen die Fakten hinter den Mythen verstehen.
Eine "natürliche" Ernährung?
Mythos 1: „Natürlich“ bedeutet eine gesündere, nährstoffreichere Ernährung, die die Umwelt schont und die Langlebigkeit fördert.
Aber was genau ist "natürliches" Tierfutter?
Der Begriff "natürlich" ist in den Vorschriften für Heimtierfutter nicht definiert, aber es gibt Kennzeichnungsrichtlinien für die Hersteller von Heimtierfutter, wie die Angabe "natürlich" zu verwenden ist (AAFCO, 2024; FEDIAF, 2019).
Laut dem Europäischen Verband der Heimtierfutterindustrie (FEDIAF, 2019) sollte der Begriff „natürlich“ ausschließlich zur Beschreibung von Heimtierfutterkomponenten verwendet werden, denen nichts zugesetzt wurde. Diese dürfen lediglich einer ausreichenden physikalischen Verarbeitung unterzogen worden sein, um sie für die Herstellung von Heimtierfutter geeignet zu machen, wobei ihre natürliche Zusammensetzung erhalten bleibt. Diese Verwendung ist sehr restriktiv und schließt mehrere Verarbeitungsschritte aus, die für die Herstellung eines vollständigen und ernährungsphysiologisch ausgewogenen Produktes erforderlich sind. Für manche Tierhalter*innen hat der Begriff „natürlich“ jedoch eine andere Bedeutung, da sie ihn automatisch mit gesunder Ernährung verbinden.
Hinzu kommt, dass „natürlich“ häufig mit einer an der Beute orientierten Fütterung gleichgesetzt wird. Die Lebensspanne von Wölfen und Wildkatzen in freier Wildbahn ist im Vergleich zur Lebensspanne von Haustieren jedoch kurz. Der Zweck einer „natürlichen“ Ernährung (Beute) besteht nicht darin, ein möglichst langes Leben zu fördern, sondern ein Leben, das lang genug ist, um die Fortpflanzung zu ermöglichen. Daher sollte man nicht erwarten, dass eine natürliche Ernährung unbedingt gleichzeitig die Langlebigkeit fördert.
Mythos 2: Die „natürliche“ Ernährung von Hunden und Katzen besteht ausschließlich aus Fleisch, einschließlich biologisch artgerechtem rohen Futter (BARF), oder aus Futtermitteln, bei denen Fleisch an erster Stelle der Zutatenliste steht.
Wölfe und Katzen ernähren sich von Natur aus von Beutetieren, was nicht gleichbedeutend mit Fleisch ist. Beutetiere enthalten nämlich nicht nur Fleisch (quergestreifte Muskeln), sondern auch
- Knochen (Quelle für Kalzium, Phosphor und Magnesium),
- Gehirngewebe (reich an der Omega-3-Fettsäure DHA) und
- Eingeweide (reich an Vitaminen, Spurenelementen und Taurin) (Davies et al., 2019).
Forscher der Universität Gent fanden heraus, dass Geparde, die mit ganzen Kaninchen gefüttert wurden, eine bessere Magen-Darm-Gesundheit aufwiesen als Tiere, die mit Mineralien und Vitaminen angereichertes Fleisch erhielten (Depauw et al., 2013). Die Studie deutet darauf hin, dass das Fell der Beutetiere als "tierische Faser" fungiert, die den Transit der Nahrung im Darm fördert und die Proteinfermentation (Fäulnis) im Dickdarm reduziert, bei der Stickstoffmetaboliten entstehen, die toxisch sein können (Depauw et al., 2013).
Der Verzehr von Beutetieren bietet Wölfen und Wildkatzen eine "vollständige und ausgewogene Ernährung", d. h. eine Ernährung, die alle Nährstoffe in den richtigen Proportionen enthält. Dies ist bei vielen BARF-Diäten und Rezepten nicht der Fall, die Berichten zufolge zu Kalziummangel und spontanen Knochenbrüchen führen können. Außerdem kann rohes Fleisch mit pathogenen Bakterien kontaminiert sein. Der Kontakt mit kontaminiertem Fleisch kann besonders für Kleinkinder, immungeschwächte und ältere Menschen ein bedenkliches Gesundheitsrisiko darstellen (Davies et al., 2019).
Es gibt Hinweise darauf, dass die Domestizierung von Hunden bereits vor 33 000 Jahren stattfand. Obwohl der gemeinsame Vorfahre aller Hunde der Wolf ist, haben sich Haushunde in Form und Größe, einschließlich der Anatomie von Schädel und Kiefer, sehr unterschiedlich entwickelt. Sie sind weniger aggressiv und ausdauernd und haben ein verändertes Sozial- und Ernährungsverhalten. So hat beispielsweise eine genetische Studie gezeigt, dass Hunde mehr Gene für Amylasen besitzen als Wölfe. Amylasen sind die für die Stärkeverdauung zuständigen Enzyme (Axelsson et al., 2013).
| Grundsätzlich sind Hunde Fleisch-Allesfresser und können stärkehaltige Nahrung deutlich effizienter verdauen als Wölfe. |
Was ist mit verdaulichen Kohlenhydraten?
Mythos 3: Beutetiere enthalten wenig Kohlenhydrate; daher ist Stärke nicht notwendig und kann bei Hunden und Katzen schädliche Auswirkungen wie Fettleibigkeit und Diabetes haben. Außerdem gilt Stärke als Füllstoff in billigem Tierfutter.
Kohlenhydrate sind grundsätzlich für Hunde nicht essenziell, sie sind aber eine gute und schnell verfügbare Energiequelle. Theoretisch können Hunde ihren Energiebedarf über Protein und Fette decken (Verbrugghe und Hesta, 2017). Wenn ein Tier jedoch Stärke verdauen kann, ist dies der effizienteste Weg, um den Körper mit Glukose zu versorgen.
Wie oben beschrieben, ist die Verdauung und Verstoffwechselung von Stärke bei Hunden kein Problem. Hunde sind echte Fleisch-Allesfresser. Bei Katzen hingegen ist die Verträglichkeit von Stärke Gegenstand heftiger Debatten zwischen Veterinärinternist*innen und Ernährungswissenschaftler*innen. Frühere Arbeiten deuteten darauf hin, dass Katzen Stärke möglicherweise nicht effizient verdauen und verstoffwechseln; neuere Studien belegen jedoch, dass Katzen gut aufgeschlossene Stärke fast genauso effizient verdauen wie Hunde. Katzen sind auch in der Lage, ihren Stoffwechsel an die Kohlenhydratmenge in ihrer Nahrung anzupassen. Fettleibigkeit und Diabetes scheinen nicht grundsätzlich von Kohlenhydraten abzuhängen, sondern vielmehr mit dem absoluten Kaloriengehalt der Nahrung zusammenzuhängen.
| Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sowohl Hunde als auch Katzen Stärke gut vertragen. |
Sind getreidefreie Futtermittel die besten?
Mythos 4: Getreide ist ein nährstoffarmer Füllstoff, Kohlenhydrate sind für Fleischfresser schädlich, Getreide ist minderwertig und verursacht Allergien.
Getreide, insbesondere Vollkorn, ist eine Quelle wertvoller Nährstoffe wie Stärke (eine Glukosequelle), essenzielle Fettsäuren (Linolsäure), Eiweiß, Vitamine (Vitamin E) und Ballaststoffe. Daher kann Getreide nicht grundsätzlich als nährstoffarm oder -frei betrachtet werden, wie dies bei einem Füllstoff der Fall wäre. Tierbesitzer*innen müssen zudem bedenken, dass in der Produktion sogenannter ‘getreidefreier’ Produkte andere Stärkequellen wie Kartoffeln, Linsen, Erbsen oder Tapioka verwendet werden, die jedoch nur einen begrenzten zusätzlichen Nährwert bieten (Laflamme et al., 2014).
Im Falle einer Futtermittelallergie handelt es sich im Normalfalle um eine Allergie gegen ein Protein. Dabei kann jede Proteinquelle eine Allergie auslösen; interessanterweise wurden bisher mehr tierische als pflanzliche Proteine mit Allergien in Verbindung gebracht. Bei Katzen wurde noch keine Glutenunverträglichkeit nachgewiesen.
Im Jahr 2018 veröffentlichte die FDA eine Bekanntmachung, in der einige getreidefreie Hundefutter mit dilatativer Kardiomyopathie (DCM) in Verbindung gebracht wurden (Haimovitz et al., 2022). Eine ernährungsbedingte Kardiomyopathie kann bei betroffenen Hunden zum Teil deutlich verbessert werden, wenn sie von einer getreidefreien Nahrung auf eine traditionellere Ernährung umgestellt werden. Bislang ist der Grund für diesen Zusammenhang noch nicht geklärt, und die Forschung läuft noch. Die Hypothese ist, dass ein hoher Gehalt an bestimmten Zutaten, die als Stärkequellen verwendet werden (z. B. Erbsen oder Linsen), die Aufnahme und/oder den Stoffwechsel von Nährstoffen beeinträchtigen könnte.
| Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es keine nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteile einer getreidefreien Ernährung gibt, dass aber die langfristige Fütterung einer getreidefreien Ernährung mit DCM bei Hunden in Verbindung gebracht werden kann. |
Schlussfolgerung
Hier wurden nur einige der wichtigsten ’Mythen’ in der Heimtiernahrung behandelt. Die Konfrontation von Besitzer*innen mit Fakten kann eine Herausforderung sein, da die sozialen Medien ihre emotionalen Überzeugungen verstärken. Stellen Sie Fragen wie:
- "Wie stellen Sie sicher, dass die Ernährung Ihres Haustieres alle seine Ernährungsbedürfnisse erfüllt?"
- "Wie stellen Sie sicher, dass Sie und Ihre Familie nicht mit Bakterien kontaminiert werden, wenn Sie eine Mahlzeit auf der Basis von rohem Fleisch zubereiten?" oder
- "Hat ein/e Ernährungswissenschaftler*in die Ernährung zusammengestellt?"
Diese können Zweifel auslösen und dazu beitragen, die Besitzer*innen auf bewährte Futtermittel mit Qualitätskontrolle zu lenken.
