Ein drei Monate altes weibliches Kitten wird zur Impfung vorgestellt. Die Besitzerin möchte sich über die Möglichkeiten einer Kastration informieren. Sie hat in einer Zeitschrift gelesen, dass eine frühzeitige Kastration weibliche Katzen vor Mammatumoren schützen kann. Sie möchte wissen, ob das tatsächlich stimmt und in welchem Alter der Eingriff idealerweise durchgeführt werden sollte.
Sie beschließen, die wissenschaftliche Evidenz zu diesem Thema zu prüfen.
Es wurden vier Studien identifiziert, die den Einfluss einer Kastration auf die Entstehung von Mammatumoren sowie den optimalen Zeitpunkt für den Eingriff untersuchten. Drei Studien waren Fall-Kontroll-Studien (Dorn et al., 1968; Overley et al., 2005; Graf et al., 2016), eine war eine Kohortenstudie (Hayes et al., 1981).
Dorn et al. (1968) untersuchten zwischen 1963 und 1966 insgesamt 21 Katzen mit malignen Mammatumoren. Diese wurden mit einer Kontrollgruppe von 706 Katzen verglichen, die 1965 im Rahmen einer Zufallsstichprobe von Haushalten im Alameda County, Kalifornien, erfasst worden waren. Untersucht wurden das Risiko für die Entwicklung von Mammatumoren in Abhängigkeit vom Kastrationsstatus, die jährlichen Inzidenzraten pro 100.000 Katzen bei kastrierten und unkastrierten Tieren sowie der Einfluss des Geschlechts auf das Krebsrisiko.
Graf et al. (2016) untersuchten 1.501 Katzen mit bestätigten Mammatumoren, die in einem medizinischen Register erfasst waren. Das Register sammelte zwischen 1965 und 2008 Daten zu Krebserkrankungen bei Katzen. Die Fälle wurden mit einer Kontrollgruppe von 21.715 Katzen verglichen, die im Register aufgrund anderer Tumorerkrankungen als Mammatumoren erfasst waren. Untersucht wurde das Risiko für die Entwicklung eines Mammatumors bei kastrierten im Vergleich zu unkastrierten Katzen.
Hayes et al. (1981) untersuchten 110 weibliche Katzen mit Mammakarzinom, die zwischen 1964 und 1978 in den USA behandelt worden waren. Von diesen Katzen waren 52 kastriert und 58 unkastriert. Untersucht wurde das relative Risiko für ein Mammakarzinom bei kastrierten im Vergleich zu unkastrierten Katzen.
Overley et al. (2005) untersuchten 404 Katzen, die zwischen 2000 und 2001 in einer Tierklinik in den USA vorgestellt wurden. Bei 204 Katzen wurde ein Mammakarzinom diagnostiziert, während 200 Katzen als Kontrollgruppe dienten. Untersucht wurden der Zusammenhang zwischen der Entwicklung eines Mammakarzinoms und dem Kastrationsstatus sowie der Einfluss der Kastration auf das Risiko für ein Mammakarzinom.
Die Evidenz ist aufgrund verschiedener Einschränkungen insgesamt schwach. Eine Einschränkung ergibt sich bereits aus dem Studiendesign: Fall-Kontroll- und Kohortenstudien stehen in der Evidenzhierarchie im mittleren Bereich und liefern daher keine Evidenz der höchsten Stufe.
Die Studie von Dorn et al. (1968) war unter anderem aufgrund ihres Alters eingeschränkt. Einige der darin beschriebenen Fälle liegen mehr als 60 Jahre zurück. Zudem war die Stichprobengröße mit 21 Katzen gering. Angaben zum Kastrationsstatus dieser Katzen fehlten, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die Fragestellung zusätzlich einschränkt. Unklar war außerdem, ob die Katzen der Kontrollgruppe Tumoren aufwiesen, wie viele Katzen tatsächlich in die statistische Analyse als Kontrollen einbezogen wurden und nach welchen Kriterien Mammatumoren diagnostiziert wurden.
Graf et al. (2016) erfassten Daten über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten (1965–2008). Dadurch könnten Verzerrungen entstanden sein, beispielsweise durch Veränderungen der Diagnosekriterien, der Dokumentationspraxis oder der Zusammensetzung der Population im Laufe der Zeit. Außerdem stammten alle Daten aus einem Krebsregister. Dadurch besteht das Risiko einer Selektionsverzerrung, da Katzen mit bereits diagnostizierten Tumoren gegenüber der allgemeinen Katzenpopulation überrepräsentiert sein könnten. Auch in dieser Studie wurde nicht angegeben, wie viele Katzen kastriert und wie viele unkastriert waren.
Auch die Studie von Hayes et al. (1981) war anfällig für eine Selektionsverzerrung, da ausschließlich Katzen mit Mammakarzinom untersucht wurden. Zudem war der Anteil an Siamkatzen in der Studienpopulation überproportional hoch, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die allgemeine Katzenpopulation einschränkt. Unklar bleibt außerdem, wie die Fälle für die Studie ausgewählt wurden.
Bei Overley et al. (2005) wurde das Alter nicht für alle Katzen angegeben. Dadurch lassen sich aus der Studie keine zuverlässigen Rückschlüsse auf den Einfluss des Alters zum Zeitpunkt der Kastration ziehen. Zudem bestand ein Verzerrungsrisiko, da ein Teil der Daten aus Fragebögen stammte, die an Tierärzt*innen verschickt worden waren. Dieses Risiko wurde zusätzlich verstärkt, da bei allen Katzen der Kontrollgruppe Tumore in anderen Organen als der Milchdrüse diagnostiziert worden waren.
Nur eine der untersuchten Studien (Overley et al., 2005) lieferte ausreichende Angaben zum Alter der Katzen, um den Zusammenhang zwischen dem Alter bei der Kastration und deren Wirksamkeit zur Vorbeugung von Mammatumoren zu untersuchen.
Overley et al. (2005) stellten fest, dass unkastrierte weibliche Katzen im Vergleich zu kastrierten Katzen ein erhöhtes Risiko für ein Mammakarzinom hatten. Eine Kastration vor dem sechsten Lebensmonat senkte das Risiko demnach um 91 %, eine Kastration vor dem zwölften Lebensmonat um 86 %. Gleichzeitig stellten die Autor*innen fest, dass eine Kastration nach dem zweiten Lebensjahr mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines Mammakarzinoms verbunden war.
Dorn et al. (1968) stellten fest, dass unkastrierte weibliche Katzen ein etwa siebenfach höheres relatives Risiko für Mammatumoren hatten als kastrierte Katzen. Die jährliche Inzidenz von Mammatumoren lag bei kastrierten Katzen bei 20,4 pro 100.000 und bei unkastrierten Katzen bei 31,8 pro 100.000.
Graf et al. (2016) stellten fest, dass kastrierte weibliche Katzen seltener Mammatumoren entwickelten als unkastrierte Katzen, was auf ein reduziertes Risiko durch die Kastration hindeutet. Auch Hayes et al. (1981) stellten fest, dass das relative Risiko für Mammatumoren bei kastrierten weiblichen Katzen signifikant niedriger war als bei unkastrierten Katzen.
Es gibt schwache Hinweise darauf, dass eine Kastration weiblicher Katzen vor dem ersten Lebensjahr das Risiko für die Entwicklung von Mammatumoren senkt. Die Evidenz ist insgesamt jedoch von geringer Qualität. Um die Datenlage zu verbessern, sind prospektive, gut konzipierte Kohortenstudien mit geeigneten Kontrollgruppen erforderlich.
Haftungsausschluss
Bei der Umsetzung von Erkenntnissen in die Praxis sollten zahlreiche Faktoren berücksichtigt werden, darunter unter anderem: die individuelle klinische Expertise; die Umstände des Patienten und die Werte des Besitzers; das Land, der Standort oder die Klinik, in der Sie tätig sind; der vorliegende Einzelfall; sowie die Verfügbarkeit von Therapien und Ressourcen.