Blog

Prävention postoperativer Wundinfektionen

Sobald der Patient die tierärztliche Praxis betritt, steigt das Risiko für eine Kontamination. Um bei chirurgischen Eingriffen Infektionen an der Operationsstelle (SSI) wirksam vorzubeugen, ist ein aseptischer OP-Bereich unentbehrlich.

Ein zentrales Ziel in der Prävention postoperativer Wundinfektionen besteht darin, die Kontamination der Operationsstelle durch Mikroorganismen zu reduzieren. Diese können vom Patienten selbst, vom Operationsteam, aus dem OP-Raum oder von eingesetzten Instrumenten stammen. Im OP-Bereich sollten all diese Einflussfaktoren gezielt überwacht werden.

Was sind postoperative Wundinfektionen?

SSI sind eine Form nosokomialer Infektionen (HAI), d. h. Infektionen, die im Zusammenhang mit einer medizinischen Maßnahme stehen. Sie können oberflächlich sein und lediglich die Haut betreffen. In schwerwiegenderen Fällen sind auch tieferliegende Gewebe, Organe oder Implantate betroffen.  

SSI entwickeln sich in oberflächlichem Gewebe in der Regel innerhalb von 30 Tagen nach einer Operation; bei Implantaten können Infektionen auch tiefer liegende Gewebe betreffen und die Anzeichen werden möglicherweise erst mehrere Monate später sichtbar (NICE, 2008). SSI stellen eine wirtschaftliche Belastung für die Praxis und den Tierbesitzer dar, da häufig zusätzliche Besuche, längere Klinikaufenthalte sowie weitere Therapien, Operationen und Diagnoseverfahren erforderlich sein können (Nicoll et al., 2014).

Auch wenn es keine einheitlichen Richtlinien zur Erfassung postoperativer Wundinfektionen gibt, wurden bei 0,8–18,1 % der chirurgischen Patienten von SSI berichtet (Garcia Stickney und Thieman Mankin, 2018), was auf ein erhebliches Risiko für tiermedizinische Patienten hinweist.

Wie lässt sich das Risiko für SSI minimieren?

Kontaminationen entstehen durch endogene Quellen (z. B. mikrobielle Flora des Patienten) oder, seltener, durch exogene Quellen (Kontamination des Operationsfeldes, einschließlich des Operationsteams, der Instrumente und der Ausrüstung). Die Vorbereitung des OP-Bereichs und des Patienten sowie die Anwendung standardisierter Protokolle für das Wundmanagement wirken sich daher direkt auf das Risiko für SSI aus.

Die Kontamination einer chirurgischen Wunde durch endogene oder exogene Flora kann zu einer bakteriellen Besiedlung der Wunde führen. In der Regel ist der Patient die Hauptquelle für die beteiligten Erreger (Dohmen, 2006). Neben der Exposition der offenen Wunde gegenüber Bakterien steigt das Risiko für SSI auch mit der Dauer des Eingriffs, der Anzahl der im OP anwesenden Personen sowie bereits kontaminierten Operationswunden (Eugster et al., 2004). 

Die Art des chirurgischen Eingriffs beeinflusst die erforderlichen Maßnahmen zur Infektionsprävention. Zur Aufrechterhaltung der Asepsis sollte jeder Eingriff nach seinem Kontaminationsgrad klassifiziert und die OP-Abläufe darauf abgestimmt werden. So lässt sich das Risiko einer Kontamination effektiv reduzieren.

Chirurgische Checklisten

Checklisten sind ein wichtiges Instrument, um die Patientenmorbidität und -mortalität zu reduzieren. Sie enthalten relevante Aufgaben, die für die Durchführung eines bestimmten Eingriffs entscheidend sind.

Chirurgische Checklisten dienen dazu, potenzielle Risiken bereits vor der Operation zu identifizieren und geeignete Maßnahmen zur Risikominimierung für Patienten und Personal festzulegen und umzusetzen (Mayer und Shepard, 2016). Gleichzeitig verbessern chirurgische Sicherheitschecklisten die Teamkommunikation und unterstützen standardisierte Abläufe im OP, was zu einer Verbesserung der Versorgungsqualität führt.

In der Humanmedizin wurde 2009 der Leitfaden „Safe Surgery Saves Lives“ (SSSL) entwickelt. Nach Einführung der Checkliste zeigte sich ein Rückgang der Patientensterblichkeit von 1,5 auf 0,8 %.

Vorbereitung des Patienten

Die präoperative Hautvorbereitung dient dazu, transiente Mikroorganismen möglichst gewebeschonend von der Haut zu entfernen und die verbleibende Keimzahl rasch auf ein möglichst niedriges Niveau zu senken (Fossum, 2018). Auch wenn es nicht möglich ist, die Haut vollständig steril zu machen, besteht das Ziel darin, die Operationsstelle vor dem Eingriff bestmöglich von Mikroorganismen zu befreien.

Die Haut wird sowohl durch mechanische als auch durch chemische Maßnahmen vorbereitet. Bei der mechanischen Reinigung werden durch Reibung oberflächliche Verunreinigungen und Mikroorganismen entfernt. Zudem erleichtert sie das Eindringen antiseptischer Lösungen in tiefere Hautschichten, in denen sich ebenfalls Mikroorganismen befinden können. Chemische Maßnahmen zielen darauf ab, Mikroorganismen abzutöten und ein erneutes mikrobielles Wachstum („Rebound-Wachstum“) nach der Hautdesinfektion zu verhindern.

Es gibt zahlreiche Methoden und Techniken zur Hautvorbereitung, die in der tierärztlichen Praxis eingesetzt werden. Standardisierte Abläufe sollten evidenzbasiert sein. Studien legen nahe, dass die meisten Praxen ihre Protokolle zur Hautvorbereitung noch verbessern können (Evans et al., 2009).

OP-Management

Tierärztliche Operationsbereiche können sich je nach Gebäudestruktur deutlich unterscheiden. Grundsätzlich sollte die bauliche Planung eines Operationssaals unter Berücksichtigung von Aspekten der Biosicherheit erfolgen. Die zugehörigen Funktionsräume sollten idealerweise im hinteren Bereich der Praxis bzw. des Gebäudes liegen, damit der OP-Bereich nicht als Durchgangszone genutzt wird.

Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass eine gute Händehygiene, sterile Handschuhe sowie eine sorgfältige Desinfektion des Operationsfeldes das Risiko für SSI deutlich reduzieren. Für OP-Kleidung ist die Studienlage hingegen weniger eindeutig. OP-Kleidung soll grundsätzlich als Barriere dienen, um den Patienten vor Mikroorganismen zu schützen, die von der Haut oder den Haaren des OP-Personals in die Umgebung abgegeben werden können. Gleichzeitig schützt die Kleidung auch das OP-Team vor potenziellen Kontaminationen aus der Umgebung.

Das National Institute for Health and Care Excellence (NICE, 2008) empfiehlt, dass das gesamte OP-Personal in allen Bereichen, in denen chirurgische Eingriffe stattfinden, spezielle, nicht sterile OP-Kleidung trägt. Dies soll zur Disziplin im OP-Bereich beitragen und das Risiko für SSI reduzieren. Trotz begrenzter Evidenz zur optimalen Wahl der OP-Kleidung, kann das Tragen speziell gewaschener, unsteriler OP-Kleidung die Einhaltung von OP-Standards verbessern und das Risiko von Wundinfektionen verringern.

Chirurgisches Vorgehen

Aseptische Maßnahmen umfassen alle Schritte, die unmittelbar vor oder während eines chirurgischen Eingriffs ergriffen werden, um Infektionen zu verhindern. Dazu gehören die Händehygiene und chirurgische Händedesinfektion, das Tragen steriler Handschuhe und Kittel, die Vorbereitung der Haut, das Anlegen eines sterilen OP-Feldes, der bestimmungsgemäße Gebrauch von Antibiotika sowie eine sorgfältige Operationstechnik. 

Einer der größten Faktoren für die postoperative Infektionsrate ist die Zeit, insbesondere die Gesamtdauer der Anästhesie. Die Dauer des Eingriffs sollte stets so kurz wie möglich gehalten werden, da Studien darauf hinweisen, dass sich die Infektionsrate mit jeder Stunde Operationsdauer ungefähr verdoppelt (Brown et al., 1997; Espinel-Rupérez et al., 2019). Eine längere Operationsdauer erhöht das Risiko für SSI bei einer Vielzahl chirurgischer Verfahren (Cheng et al., 2017).

Umsetzung von Maßnahmen zur Infektionsprävention

Weiterbildungen, praktische Übungen sowie die Einbindung des gesamten Teams sind zentrale Faktoren, um Maßnahmen zur Infektionsprävention erfolgreich umzusetzen. Studien zeigen, dass die Zahl nosokomialer Infektionen nach Einführung strukturierter Schulungsprogramme sinkt (Lobo et al., 2005).

Schulungen zur Infektionsprävention sollten grundlegende Prinzipien, evidenzbasierte Protokolle sowie Maßnahmen zur Überprüfung der Einhaltung durch das Personal umfassen. Die Einhaltung von Vorkehrungen kann beispielsweise durch regelmäßige Qualitätskontrollen oder Tests überprüft werden (Ruis et al., 2016). 

Ein klinisches Audit (Überprüfung interner Abläufe) ist ein wertvolles Instrument, um die Wirksamkeit und die Einhaltung von Richtlinien zur Infektionsprävention zu überprüfen. Dabei kann es sich beispielsweise um die postoperative Kontrolle von Operationswunden oder um regelmäßige Abstrichuntersuchungen in kritischen Bereichen der Umgebung handeln.

Ein Audit kann helfen, die Häufigkeit postoperativer Infektionen zu beurteilen und Infektionsausbrüche frühzeitig zu erkennen. Zudem ermöglicht es der Praxis, mögliche Ursachen bestimmten Abläufen oder Routinen zuzuordnen, sodass gezielte Maßnahmen ergriffen werden können – ohne dabei eine schuldzuweisende Haltung einzunehmen.

Zusammenfassung

Infektionen an der Operationsstelle gehören zu den häufigsten Ursachen für Erkrankungen bei chirurgischen Patienten. Die konsequente Umsetzung von Maßnahmen zur Infektionsprävention sowie eine effektive Reinigung der Umgebung, eine sorgfältige Patientenvorbereitung und ein strukturiertes chirurgisches Vorgehen sind daher entscheidend, um SSI zu vermeiden.

Referenzen (zum Vergrößern anklicken)
Brown, D. C., Conzemius, M. G., Shofer, F. und Swann, H. 1997 Epidemiologische Auswertung von postoperativen Wundinfektionen bei Hunden und Katzen. Journal of the American Veterinary Medical Association, 210, 1302-1306
Cheng, H., Chen, B. P., Soleas, I. M., Ferko, N. C., Cameron, C. G. und Hinoul, P. 2017 Längere Operationsdauer erhöht das Risiko für chirurgische Wundinfektionen: eine systematische Übersichtsarbeit. Surgical Infections, 18, 722-735
Dohmen, P. 2006 Einfluss von Hautflora und Präventionsmaßnahmen auf die Infektion der Operationsstelle bei Herzoperationen. Chirurgische Infektionen, 7, 13-17
Garcia Stickney, D. und Thieman Mankin, K. 2018 Der Einfluss der Überwachung nach der Entlassung auf die Diagnose von Infektionen an der Operationsstelle. Veterinary Surgery, 47, 1
Espinel-Rupérez, J., Martín-Ríos, M. D., Salazar, V., Baquero-Artigao, M. R. und Ortiz-Díez, G. 2019 Inzidenz von Infektionen an der Operationsstelle bei Hunden, die sich einer Weichteiloperation unterziehen: Risikofaktoren und wirtschaftliche Auswirkungen. Veterinary Record Open, 6, e000233
Eugster, S., Schawalder, P., Gaschen, F. und Boerlin, P. 2004 Eine prospektive Studie über postoperative chirurgische Wundinfektionen bei Hunden und Katzen. Veterinärchirurgie, 33, 542-550
Evans, L. K. M., Knowles, T. G., Werrett, G. und Holt, P. E. 2009 Wirksamkeit von Chlorhexidin-Gluconat bei der Hautvorbereitung von Hunden - Praxisübersicht und klinische Studien. Zeitschrift für die Kleintierpraxis, 50, 458-465
Fossum, T. W. 2018 Vorbereitung des Operationsgebietes. In: Fossum, T. W. (ed) Small Animal Surgery, 5th ed. Mosby Elsevier, St Louis, S. 34
Haynes, A. B., Weiser, T. G., Berry, W. R., Lipsitz, S. R., Breizat, A. S., Dellinger, E. P., Herbosa, T., Joseph, S., Kibatala, P. L., Lapitan, M. C. M., Merry, A. F., Moorthy, K., Reznick, R. K., Taylor, B., Gawande, A. A. und Safe Surgery Saves Lives Study Group 2009 Eine chirurgische Sicherheitscheckliste zur Senkung der Morbidität und Mortalität in einer globalen Bevölkerung. The New England Journal of Medicine, 360, 491-499
Lobo, R., Levin, A., Brasileiro Gomes, L., Cursino, R., Park, M., Figueiredo, V., Taniguchi, L., Polido, C. G. und Costa, S. 2005 Auswirkung eines Schulungsprogramms und von Änderungen der Richtlinien auf die Verringerung von Katheter-assoziierten Blutstrominfektionen in einer medizinischen Intensivstation in Brasilien. American Journal of Infection Control, 33, 83-87
NICE (Nationales Institut für Gesundheit und Pflegeexzellenz) 2008 Infektionen an der Operationsstelle: Prävention und Behandlung von Infektionen an der Operationsstelle. National Collaborating Centre for Women's and Children's Health, London [Zugriff am 1. Juli 2020].
NICE (National Institute for Health and Care Excellence) 2014 Infektionsprävention und -kontrolle [Zugriff am 3. Juli 2020]
Nicoll, C., Singh, A. und Weese, J. 2014 Wirtschaftliche Auswirkungen der Nivellierungsosteotomie des Tibiaplateaus und der Infektion der Operationsstelle bei Hunden. Veterinary Surgery, 43, 899-902
Ruis, A. R., Shaffer, D. W., Shirley, D. K. und Safdar, N. 2016 Die Vermittlung einer Systemperspektive für eine verbesserte Kontrolle und Prävention von Infektionen im Gesundheitswesen an das Gesundheitspersonal. American Journal of Infection Control, 44, 1360-1364
Webber . 2007 Standardarbeitsanweisungen. Chloraprep, lnvicta Animal Health.
Weltgesundheitsorganisation 2009a Nachweis der Handhygiene zur Verringerung der Übertragung und der Infektionen durch multiresistente Organismen in Einrichtungen des Gesundheitswesens
Weltgesundheitsorganisation 2009b Leitlinien für sichere Operationen